Pflege braucht größere Lobby

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Das Thema Pflege gehört für die SPD auf allen politischen Ebenen zu den wichtigen Themen. Deswegen freuten sich der Landtagsabgeordnete Dieter Möhrmann und der Bundestagsabgeordnete Lars Klingbeil über den Besuch von „Pflegeexpertin“ Petra Tiemann, SPD-Landtagsabgeordnete aus Stade, in ihrem Wahlkreis. Zunächst standen Besuche im Seniorenzentrum „An der Böhme“ und im Pflegestützpunkt Heidekreis auf dem Plan, danach führte die Tour nach Schneverdingen.

Hier fand ein Gespräch mit dem ambulanten Pflegedienst des Vereins zur Pflege statt. Übrigens führt die SPD nicht nur Gespräche, sondern Abgeordnete von Land und Bund ebenso wie viele Kommunalpolitiker schauen auch über Praktika hinter die Kulissen von Pflegeeinrichtungen. „Um hautnah im Sinne des Wortes zu ‚begreifen‘, um was es beim Thema Pflege geht“, wie Petra Tiemann hervorhob.

Im Seniorenzentrum „An der Böhme“ informierten Heimleiterin Beatrix Richter-Koss und Michael Gierse, zuständig für zentrales Qualitätsmanagement bei dem Betreiberunternehmen Pro Talis, über die Einrichtung und ihre verschiedenen Wohnbereiche. Im Bereich Dementenbetreuung steige die Nachfrage, hieß es. Auch die Servicewohnungen werden sehr gut in Anspruch genommen. Fachkräfte seien schwer zu bekommen im Altenpflegebereich. Dem Beruf mangele es derzeit noch an Attraktivität; die gesellschaftliche Anerkennung sei gering, zugleich sei es ein Beruf, der die physischen und psychischen Kräfte der Pflegenden stark beanspruche. „Es muss vom Kopf und vom Herzen her passen, wenn man den Beruf ergreifen will.“ Das Seniorenzentrum „An der Böhme“ bildet selber Fachkräfte aus, vier Auszubildende gehören derzeit zum Team.

Als Wunsch wurde den Besuchern mit auf den Weg gegeben: „Wir möchten gerne mehr Netto-Arbeitszeit ‚am Bett‘ und weniger Bürokratie.“ Pflegedokumentation sei keinesfalls überflüssig, hieß es, „aber eine Verschlankung ist wünschenswert.“ Eine Herausforderung in der Pflege sei, sich auf „kultursensible“ Pflege einzurichten, Menschen anderer Kulturkreise adäquat zu betreuen, „sie dort abzuholen, wo sie sind.“ Als Problem wurde die hausärztliche Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner hervorgehoben, die von außerhalb nach Walsrode ziehen. Es sei schwer, Ärzte für Besuche und Übernahme neuer Patienten zu gewinnen, die teilweise unter schweren Erkrankungen leiden. Für Absagen würden meist Budgetgründe angeführt. „Ärzte, die in Einrichtungen kommen, dürfen dafür nicht finanziell bestraft werden.“

Im Pflegestützpunkt für den Heidekreis waren Landrat Manfred Ostermann, der Leiter des Gesundheitsamtes Ulrich Kahmann, der Sozialarbeiter und Sozialmanager Michael Letter und die Gesundheitswissenschaftlerin Lena Stabrey Gesprächspartner. Das Angebot der Beratung rund um das Thema Pflege werde noch viel zu wenig in Anspruch genommen, hob Ostermann hervor: „Angesichts des Bedarfes könnten es doppelt und dreifach so viele Ratsuchende sein.“ Seit dem 1. Juni 2010 gibt es den lange herbeigesehnten Pflegestützpunkt mit Zustimmung und Mitfinanzierung des Landes Niedersachsen im Heidekreis, seit November 2010 ist dort auch das Seniorenservicebüro beheimatet. Angedockt ist die Einrichtung an das Gesundheitsamt in Walsrode. In Soltau gibt es eine Zweigstelle. „Wir sind Ansprechpartner rund um die Pflege“, hob Michael Letter hervor. Meistens wird die Beratungstätigkeit bei Hausbesuchen durchgeführt. 800 bis 900 Anfragen seien im Jahr zu verzeichnen, Tendenz steigend. Einen Heimaufenthalt wollen die meisten Pflegebedürftigen so lange wie möglich hinausschieben, deswegen stünden Beratung für ambulante Hilfen und mögliche Umbauten in der Wohnung im Mittelpunkt. „Mehr Angebote an Tagespflege wären bei uns im Landkreis wünschenswert.“ Auch für den Umzug in eine Pflegeeinrichtung wird beraten. „Es geht um passgenaue Hilfen.“ Kritisiert wurde die Erfahrung, dass die Zuerkennung der Pflegestufe I durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen zunehmend schwieriger werde.

Beim ambulanten Pflegedienst des Vereins zur Pflege in Schneverdingen beklagten Geschäftsführerin Ulrike Röhrs und Pflegedienstleitung Petra Foth die niedrigen Pflegesätze in Niedersachsen und die daraus erwachsenden Folgen auf die Gehälter der Pflegekräfte: „Dass die Pflege für die Menschen trotzdem noch so gut ist, haben wir den Mitarbeitern in der Pflege zu verdanken.“ Und sie hoben hervor: „Wir steuern auf eine Pflegenotstand zu.“ Es sei immer schwieriger, ausgebildete Pflegekräfte für den ambulanten Bereich zu finden, denn stationäre Einrichtungen könnten höhere Gehälter bieten. Gerne würde der Verein zur Pflege mehr ausbilden als bisher, doch ein Problem sei die Finanzierung. Man wünscht sich eine Wiedereinführung der Umlagefinanzierung, zu der auch Betriebe herangezogen werden, die selber nicht ausbilden. Kein Verständnis gibt es für die Kürzung der Förderung ambulanter Pflegeeinrichtungen. „Die Investitionskostenförderung wurde um 20 % gekürzt. Das ist für unsere Einrichtung ein Betrag von 7.500 Euro.“ Fort- und Weiterbildung der Pflegekräfte, Fuhrpark und steigende Kraftstoffpreise, all diese koste Geld. Auch die Vergütung für Pflegesachleistungen liege in Niedersachsen im unteren Drittel im Vergleich zum Bundesgebiet. „Dies ist auf Dauer nicht akzeptabel für ambulante Pflegedienste.“

Unverständnis herrscht beim Pflegedienst wie bei den Besuchern für die Tatsache, dass die BBS Soltau zwar in der Altenpflege ausbilden, aber ihr die Kompetenz für Umschulungen für den Altenpflegeberuf abgesprochen wird. Sie müsste sich für viel Geld, wie auch andere Berufsbildende Schulen, durch eine „fachkundige Stelle“ zertifizieren lassen, damit die Agentur für Arbeit Bildungsgutscheine für eine dortige Umschulung vergeben darf. Der Landtagsabgeordnete Dieter Möhrmann hatte sich in dieser Angelegenheit an die Agentur für Arbeit und das Kultusministerium in Hannover gewandt. Das Kultusministerium steht auf dem Standpunkt, es sei eine Ausbildungsstätte unter staatlicher Aufsicht, die keine Zertifizierung benötige. Die Agentur für Arbeit sitzt in der Zwickmühle, ohne Zertifizierung keine Bildungsgutscheine vergeben zu dürfen. Und der BBS fehlt in ihrem Budget das Geld für die Zertifizierung, die zudem nur für einige Jahre gilt.

Bewegung kommt jetzt hinein durch ein Schreiben der Bundesarbeitsministerin Dr. von der Leyen, an die sich der Bundestagsabgeordnete Lars Klingbeil in dieser Angelegenheit gewandt hatte. Demnach wurde in einer Arbeitsgruppe auf Bundesebene die Möglichkeit eines vereinfachten Verfahrens diskutiert: Die in einem Bundesland für die Aufsicht und damit die Qualitätssicherung der Schulen verantwortliche Stelle könnte sich als Träger zertifizieren lassen und die unter der Aufsicht stehenden staatlichen Berufsfachschulen würden von diesem Zertifikat mit erfasst. Dieter Möhrmann hat sich bereits mit einer Anfrage an Kultusminister Dr. Althusmann gewandt, ob Niedersachsen sich dieser Möglichkeit anschließt.

„Pflege“, so das Resümee von Petra Tiemann, Dieter Möhrmann und Lars Klingbeil sowie ihren Gesprächspartnern nach den Besuchen, „braucht mehr Lobby.“ Pflege sei weit mehr als „satt und sauber“, wie es früher hieß. „Wir müssen uns alle mehr zu den Älteren, zu den Pflegebedürftigen bekennen. Hilfsbedürftigkeit darf kein Tabu-Thema sein.“

 
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